Wackelsteine Wiegensteine

 

Marienstein bei Bad Kreuzen / Mühlviertel

 

Auch im 20. Jahrhundert gibt es noch Landbewohner,

 die davon überzeugt sind, dass Steine Leben haben.

 Jaques Gelis

 

Einsam liegt der mit dichtem Moos bewachsene Marienstein im Wald bei Bad Kreuzen, im Mühlviertel. Die mit Plastikblumen geschmückte Marienfigur bestätigt seinen christlichen Namen. Der hilfsbereite Bauer der uns zum Stein führt, kann über seine Bedeutung leider nicht mehr viel sagen und wie schon so oft,  muss ich mich selbst auf die Suche begeben, um das Geheimnis dieser Stein Riesin zu erkunden.

 

 Eiförmige Wackelsteine

 

Im Conflent weiß man von verschiedenen Orten, wo sich Steine zu bestimmten Tages- oder Jahreszeiten bewegen. So gibt es im Tal des Mantet, oberhalb von Olette, einen fast ovalen Stein, der „Das Ei“ genannt wird, und bald mit der Spitze, bald mit dem runden Teil nach Norden zeigt. Wann er sich wendet, ist nicht bekannt. 1

 

Eiförmige Wackelsteine gibt es nicht nur in Österreich und in Frankreich, wir entdecken sie in ganz Europa an Grenzorten im Gebirge, in abgelegenen Wäldern oder am Rande von Dörfern und Siedlungen. Viele dieser Steine sind auffällige Findlinge, die von Natur aus so geformt sind, andere erfuhren eine sorgfältige Bearbeitung von Menschenhand, um sie für kultische Zwecke zu nützen.  

 

Wackelsteine werden auch Wiegensteine genannt. In einer Wiege liegt ein Neugeborenes und so hieß es in Tirol vom wiegeten Stoan, in seiner Nähe wäre Kindergeschrei zu vernehmen: Eisacktal / Spinges - Auf dem Spingeser Berg liegt zwischen dem Ober- und Unterrohrweg ein eigenartiger Granitfindling, der die Form einer Wiege hat. Dieser „wiegete Stoan“  hat die ungefähren Ausmaße von 3 Meter Länge, 1,50 Meter Breite und 1, 20 Meter Höhe. Man behauptet in Spinges, dieser Koloß begänne nachts von alleine zu wiegen und wäre in seiner Nähe immer Kleinkindergeschrei zu vernehmen.2

 

Das erklärt eine der Bedeutungen dieser Steine, denn unsere Ahnen erzählten sich, dass das riesige Ei aus Stein von einer mythischen Vogelmutter gelegt wurde. Es birgt in seinem Inneren noch ungeborenes Leben, deshalb konnten gebärfähige Frauen dort ein Kind abholen. Wichtig war das Ritual des Wackelns, denn wenn sich der Stein bewegte, dann rührte sich in seinem Inneren etwas. Jacques Gelis berichtet von Kinder- und Gebärmuttersteinen in Frankreich:

 

Die Verehrung, die die Dorfbewohner dem „Kinderstein“ entgegenbrachten, war zweifellos eine Folge der Überzeugung, daß sie alle aus ihm hervorgegangen waren. Man behauptete, daß der trächtige Stein für die Kinder sorgte, die er  in seinem Bauch trug, und daß er sie jeden Tag zum Bach brachte, um sie trinken zu lassen. Wenn eines von ihnen „gar“ war, kam eine Frau (die Hebamme) und holte es gegen entsprechenden Lohn für die Familie ab, bei der es erwartet wurde.

Es scheint, daß die Mehrzahl dieser „Gebärmuttersteine“ gleichzeitig auch als „Heiratsstein“ für die Jugend, als „Rutschstein“ für kinderlose Frauen und als „Heilstein“ für zurückgebliebene oder nicht ausgewachsene Kinder diente.

Die Steine, die man auch aufsuchte, um eine gute Fruchtbildung bei den Gewächsen und Vermehrung des Viehbestandes zu sichern, sorgten dafür, daß der Kreislauf nicht unterbrochen wurde und die Arten erhalten blieben. Alle Gebräuche konzentrierten sich um diesen magischen Stein als einem Bündel von Lebenskraft. 3

 

Einen sehr beeindruckenden Wackelstein fand ich in Spanien/ Katalonien, in Sant Feliu de Guixols. Er wird dort von den Einheimischen Pedralta genannt. Alta bedeutet hoch und ped ist der Fels, der Stein. Die kleine Kapelle daneben und das auffällige Kreuz auf dem Rücken des Steines zeigen, wie wichtig es der Kirche auch in Spanien war, den Steinkult vorchristlicher Kulturen zu unterdrücken. In den Sagen von Spanien galten Wackelsteine als Spielzeug von Riesen. Damit sind jene Menschen gemeint, die Steine kultisch verehrten und Steinstätten errichteten.