Schamanin

 

Das gemeine Volk glaubte,

dass Frauen einen besonderen Zugang zu zauberischen Kräften besäßen

                                       und es meinte – zu Recht -  dass Frauen ihre Nachkommenschaft,

die Zukunft des Menschengeschlechts,                   

mit besonderer Wildheit verteidigten.  

Um ihren Kindern zu helfen, sagten die Geschichtenerzähler,

riefen die Frauen unsichtbare Mächte der Welt an.

 

Es ist frustrierend, Literatur über Schamanismus zu lesen. In den meisten Büchern kommen Frauen als Schamaninnen gar nicht vor. Von männlichen Schamanen wird oft ganz nebenbei berichtet, dass sie von ihrer Großmutter, Mutter, Schwester oder Tante  eingeweiht wurden. Vor allem Frauen hüteten das Wissen ihres Volkes und gaben es immer wieder an die nächste Generation weiter.

 

Orientieren wir uns an Mythen, Märchen und Sagen stellen wir erstaunt fest, dass Königinnen und Prinzessinnen, einfache Bäuerinnen und Kräuterfrauen, alte Mütterchen und gefürchtete Hexen, Rat wussten und Lösungen für schwierigste Probleme kannten. Sie verfügten über magische Fähigkeiten und heilten mit Gesängen und Zaubersprüchen. Sie halfen Frauen ein gesundes Kind zur Welt zu bringen und konnten in die Zukunft oder in die Vergangenheit blicken. Erstaunlich ist auch ihre Nähe zu Tieren, sie hatten Tierverbündete und konnten sich sogar selbst in ein Tier verwandeln.

 

Im Märchen von Allerleihrauh

hüllt sich die Königstochter in einen Mantel

aus dem Fell aller Tiere die es auf Erden gibt.

 

In vielen Erzählungen hat sich altes Wissen bewahrt und wir erfahren, wie klug, gewitzt, tatkräftig und weise unsere Vorfahrinnen waren. Sie besaßen magische Gegenstände wie einen Kessel oder einen Zauberstab, sie konnten fliegen und andere Welten bereisen. Als Vermittlerinnen die Zugang zu den Rhythmen der Gestirne, zu Sonne und Mond hatten, waren sie mit der großen Göttin und ihrem allumfassenden Kosmos verbunden. Sie wußten als Familienoberste weisen Rat, waren Priesterin, Hebamme und Ärztin. Als Sterbebegleiterinnen erschienen sie oft wie aus dem Nichts und brachten Liebe, Trost und Erlösung. 

 

Die tröstende Großmutter

birgt das einsame Mädchen mit den Schwefelhölzern in ihren Armen

 

Namen wie Schamanka, Sala-manka, Salafrauen, Salkweiber oder wilde Frauen sind bedeutsam. Sal, sel bedeutet heilig und die Wortsilben man und ka benennen die Frau, das Weib oder das Mädchen.

Die Sala-man-ka war die heilige Frau. Im Wort Schamanismus steckt die Bedeutung für die sal-man-is, die mit außergewöhnlichen Fähigkeiten begabte, heilige Frau.

 

Schamaninnen gab es auch im Bundesland Salzburg, die vielen Hexen in den Sagenüberlieferungen erinnern an sie. Ihre Kunst bestand darin, das Wetter zu verändern, sie beherrschten auch das sogenannte Anbannen. Sie konnten den Milchertrag der Kühe steigern und verwendeten heilende Kräuter zur Erleichterung von Geburten.

 

Karl Fiala berichtet von Sprüchen aus Großarl, die dort in Notzeiten mehrfach wiederholt wurden. Ob unsere Ahninnen mit ihren magischen Worten auf diese Weise den Wind und die Elemente beschworen, damit ihr Hab und Gut verschont bleibt?

Fällt zur Unzeit Schnee, was hier oft mitten im Sommer vorkommt, so wird überall die Hausglocke geläutet und verschiedene Gebete und Sprüche dazu gemurmelt:

Ziach den Strong zum Gingong

Daß da Schnee`s Droad (Getreide) nit brennt,

und z`Eßn bleibt füar d`Arbeitshänd,

daß da Schnee nit fallt zu long,

gingong, gingong, gingong. 2

 

Zur Zeit der Inquisition wurden weise Frauen verfolgt, grausam gequält und am Scheiterhaufen verbrannt. So auch Maria Staudinger, die sogenannte Staudinger Hex, eine junge Frau aus meinem Heimatort Mauterndorf. Sie wurde im Sommer des Jahres 1762 am Passeggen bei Tamsweg verbrannt. Diesen Bericht widme ich ihr und Ihrer Mutter, die bewußtlos zusammenbrach, als sie den Rauch des Feuers vom Scheiterhaufen sah und erkannte, dass sie nichts mehr für ihre Tochter tun konnte.

 

 

1- Time-Life Bücher, verzauberte Welten, Rächer und Retter, Amsterdam, S 1

2 - Walter Mooslechner / Dr. Karl Fiala, Großarltal-Aus vergangener Zeit, Museumsverein Denkmalhof Kößlerhäusl, Salzburg 1992, S 79

 

Bilder:

Märchenbuch Der Bärenjunge, Die neun Enkel des Zaren, Verlag Werner Dausien, Hanau 1995, S 23

Märchen der Brüder Grimm, Bilder von Nikolaus Heidelbach, Beltz und Gelberg, Basel 1995, Allerleihrauh, S 220

Hans Christian Andersen Märchen, Illustriert von Lisbeth Zwerger, Bilder Buch Studio, Verlag Neugebauer Press, Salzburg 1991, Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern, S 103

 

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