Die Wilde Jagd

Früher herrschte der Glaube, daß die Seelen der Verstorbenen mit den Winterstürmen über das Land ziehen und dabei den Menschen Gutes und Böses zufügen. Die Menschen waren daher bestrebt, die bösen Geister von sich fernzuhalten, mit den guten Geistern wollten sie aber ein ersprießliches Einvernehmen pflegen.1

 

Vom wilden Gejaid das in wilder rast- und ruhloser Jagd unter Sturmesbrausen über Berg und Tal rast, dessen Winseln und Gejammer in dunklen Nächten gar schauerlich bald da und bald dort zu vernehmen ist, und das besonders zu heiligen Zeiten in wildem Ritte durch die Flecken und Dörfer stürmt, erzählt man sich viel wunderliches Zeug. 2

Die Wilde Jagd kann nach meiner Beobachtung verschiedene Ursachen haben. Es gilt zu unterscheiden, ob sie als wirkliches Naturereignis stattfindet, oder als kultische Prozession der Menschen. Als ich am 23. Dezember 2019 meine Tochter vom Zug abholte, sah ich zwischen Tamsweg und Unzmarkt viele umgeworfene Bäume und ganze Fichtenwälder mit geknicktem Wipfel. In der Nacht tobte in diesem Gebiet ein kräftiger Sturm.

 

Das erinnerte mich an eine Erzählung aus dem Waldviertel, wo die Wilde Jagd herannahte und es sich anhörte, als würden alle Wipfel der Bäume brechen. Die alte Moosbäuerin aus Salzburg erlebte das Nahen der Wilden Jagd als liebliche Musik aus der Ferne, hell schwingend, wie auf gläsernen Instrumenten gespielt. Dann setzte aber plötzlich ein lautes Rasseln ein, wie wenn riesige Hunde an Ketten zerrten und eiserne Waffen zusammenschlügen. Am Morgen sah man im Wald oberhalb von Glanegg einen breiten Streifen niedergerissener Bäume, obwohl es die ganze Nacht windstill gewesen war.       

 

Sagen von der Wilden Jagd berichten von kultischen Prozessionen der Menschen, die wirklich stattgefunden haben. Das Wilde Gjoad vom Untersberg konnte an einem Donnerstag im Advent ganz überraschend bei den Häusern der Umgebung von Salzburg auftauchen, um Glück, Gesundheit und Segen für das kommende Jahr zu bringen.

 

  

Das Wilde Gjoad vom Untersberg / Museum in Salzburg Glanegg

 

Die Zeit der Wilden Jagd beginnt mit den Herbst- und Winterstürmen, währt durch die Rauhnächte und klingt im Fasching aus. Sie wurde vom Volk je nach Gegend als Mutterheer, Muodersheer oder auch als Muttisheer bezeichnet.

 

Die Anführerin der Wilden Jagd ist die Frau Bercht, die eine ältere Erscheinung als der spätere Wotan, der wilde Jäger ist. In Lessach hörte ein Bursche erzählen, daß alljährlich in der Dreikönigsnacht  die Perchtl durch das Tal ziehe.  Er wollte dies nicht glauben. Doch da er neugierig war  und sich überzeugen wollte, ob dies wirklich der Fall sei, so begab er sich in dieser Nacht zur Schusterbrücke und verbarg sich unter derselben. Dort wartete er auf die Ankunft der Perchten, denn so dachte er sich, wenn sie des Weges kommen, so müssen sie auch die Brücke passieren  und da könnte er sie dann aus nächster Nähe sehen. Und wirklich, er brauchte gar nicht lange zu warten, da kamen unter lautem Gejohle und Geschrei die Perchten dahergezogen. Allen voraus zog die alte Percht, ein häßliches Weib mit runzeligem Gesicht und wild zerzaustem Haar. Sie war die Groß- und Urgroßmutter aller Perchteln und Perchten und ihr folgte die ganze Sippschaft große und kleine Perchteln nach. 3